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Workshop Interkulturelle Behandlungssituationen

24. März 2017 in Dresden
Referent: Prof. Dr. (TR) Dr. phil. et med. habil. Ilhan llkilic

Veranstalter:
Bundesverband selbstständiger Arbeitsmediziner und
freiberufl icher Betriebsärzte e.V.
Gartenstraße 29, 49152 Bad Essen
Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspfl ege, BGW Akademie Dresden

Kongressbericht

Workshop „Interkulturelle Behandlungssituationen“ am 24. März 2017 in Dresden

Am 24.03.2017 fand in den Räumlichkeiten der Akademie der Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) in Dresden ein ganztägiger Workshop zu „Interkulturellen Behandlungssituationen“ statt, der vom Bundesverband selbstständiger Arbeitsmediziner und freiberuflicher Betriebsärzte (BsAfB) und der BGW als Vorveranstaltung zum 13. Bundesweiten Betriebsärztetag organisiert worden war. Als Referent konnte der international bekannte und renommierte Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Istanbul, Prof. Dr. (TR) Dr. phil. et med. habil. Ilhan Ilkilic, gewonnen werden. Er hat Medizin, Philosophie und Medizinethik in der Türkei und in Deutschland studiert und auch jahrelang in Deutschland gearbeitet und gelehrt. Im Rahmen seiner medizinethischen, klinischen und islamwissenschaftlichen Studien hat er umfängliche Erkenntnisse zu interkulturellen Behandlungssituationen zusammentragen können. Er leitet aktuell das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Istanbul.

Das Wohl des Patienten haben alle ärztlichen Kulturen als oberstes Gebot und die Respektierung dieses Gebotes wird zu Recht von Patienten aller Kulturen und den Qualitätsnormen der modernen Medizin erwartet. Krankheitsbilder sind uniform und lassen sich dadurch klassifizieren. Patienten dagegen sind nicht uniform und dürfen nicht anhand ihrer Krankheiten schematisch klassifiziert werden. Jedem erfahrenen Arzt ist bewusst, dass sich eine effektive und erfolgreichen Therapie nicht nur auf der reinen „Behandlung“ beschränken darf, dass das Gespräch vom Patienten erwartet wird und dazu gehört, dass Patienten unterschiedlich auf Krankheiten, Schmerzen und Behinderungen reagieren, dass ihre Compliance unterschiedlich ist und dass Familien und Freunde Krankheiten ebenso unterschiedlich verarbeiten wie die Patienten selbst.

Unter der Prämisse einer patientenorientierten Behandlung und Begleitung in Praxis und Klinik sollte  die Integration des Wertbildes und Weltbildes von Patienten in die Differentialdiagnostik, Prognose und Therapie einbezogen werden. Dies kommt einerseits wegen der begrenzten Ressourcen von Zeit und Geld sowohl im stationären als auch ambulanten Gesundheitsbetrieb häufig zu kurz, andererseits aber auch, weil Ärzten und Mitarbeitern Informationen und Erfahrungen mit nicht alltäglichen Wert- und Weltbildern fehlen. Eine Auseinandersetzung mit den (aus gegebenen Anlass) muslimischen Wert- und Weltbildern kann Abhilfe schaffen, dies war das Ziel des Workshops.

Ausgangspunkt für die anregende Diskussion waren der folgende Fakten: Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund zählen alle, die nach 1949 (1955 (Zensus 2011)) auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2005). Es gibt Krankenhausstationen mit bis zu 30-50 % der Patienten mit Migrationshintergrund. Im Jahr 2030 werden 2,8 Millionen Migranten 60 Jahre oder älter sein.

Im weiteren Verlauf wurden Informationen über Glaubensinhalt und -praxis der muslimischen Patienten für die Praxis vermittelt. Bei dieser Vermittlung standen die zu den islamischen Quellen zurückzuführenden Entscheidungs- und Handlungsformen im Vordergrund. Dabei wurden einige spezifische Themenfelder wie Hirntod, Organtransplantation und Sterbehilfe besonders behandelt. Die religiös-kulturelle Entscheidungs- und Handlungsweise eines Patienten kann aus der Perspektive der Gesundheitsberufe nicht als richtig oder falsch beurteilt werden, sondern eher als – nach jetzigem Erkenntnisstand der Medizin – den Heilungsprozess fördernd oder beeinträchtigend bewertet werden. Die freiwillige Entscheidung eines einwilligungsfähigen muslimischen Patienten ist, wie bei allen anderen Patienten auch, als autonome Entscheidung zu betrachten und zu respektieren. Dabei ist zu beachten, ob dem Patienten die erforderlichen medizinischen und theologischen Informationen während der Entscheidungsfindung zur Verfügung stehen. Eine spannende Diskussion ergab sich an der Frage, ob die Verständigung immer gelingt (Mangel an qualifizierten Dolmetschern) – schon allein die Sprachbarriere kann zu Missverständnissen bis hin zur Fehlbehandlung mit juristischen Konsequenzen führen (Fremde als Dolmetscher: Organisatorische Schwierigkeiten, Vertrauen, Geschlecht, Neutralität, sprachliche und fachliche Kompetenz vs. Bekannte als Dolmetscher: Autoritätsverhältnis, Neutralität).

Wenn Ärzte und Pflegekräfte im Berufsalltag einem muslimischen Patienten begegnen, haben sie es nicht mit einer Kultur oder Religion zu tun, sondern mit individuellen Angehörigen einer Kultur und Religion. Die Grundkenntnisse über den Glaubensinhalt und die Glaubenspraxis dieser Menschen sind für einen ethisch vertretbaren professionellen Umgang mit ihnen notwendig. Für die Entscheidungs- und Handlungsvielfalt der muslimischen Patienten scheinen zwei Phänomen von Bedeutung zu sein: 1. Die theologisch begründeten unterschiedlichen Positionen und Stellungnahmen zu einer bestimmten Konfliktsituation eine Charaktereigenschaft der islamischen Urteilsfindung und 2. eine weite Spannbreite persönlicher Frömmigkeitsformen innerhalb der muslimischen Bevölkerung als gesellschaftliche Wirklichkeit. Es gibt Muslime, die ein säkulares Leben führen und ebenso Muslime, die das islamische Welt- und Wertbild zur Grundlage ihrer Wertvorstellungen und Lebensweise machen. Es gibt nicht den muslimischen Patienten.

Aufgrund dieser Realität wurden dann einige Lösungsansätze diskutiert, die nicht als konfliktlösend, sondern als handlungsleitend verstanden werden sollten. Einige Konfliktfelder sind in traditionellen Einstellungen zu suchen: Mangelndes Verständnis chronischer Krankheiten, unterschiedliche Reaktionen zu somatischen und psychischen Symptomen, mangelnde Überzeugung von Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen, traditionsspezifische Beurteilung des Körpergewichts, signifikant hohe Eheschließung innerhalb der Verwandtschaft.

Die Einstellungen von Muslimen zu Alter und Tod wurden gesondert unter dem Gesichtspunkt der moralischen Diversität besprochen: Muslimische Einstellungen zur medizinischen Maßnahmen am Lebensende (Therapieziela?nderung), Weitergabe einer infausten Diagnose und Prognose, aktive und passive Sterbehilfe, Suizid, Obduktion, Feuerbestattung. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen für eine palliativmedizinische Betreuung muslimischer Patienten wurden ausführlich diskutiert.

Auch in der Arbeitsmedizin und im Arbeitsschutz ergibt sich eine ähnliche Problematik. Die Migration betrifft eben alle Lebensbereiche, so auch jenen der Arbeit und der damit verbundenen Gefährdungen. Sprachbarrieren haben negative Auswirkungen auf die Arbeitssicherheit. Kultururelle Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Mit Kommunikationsstörungen aufgrund sprachlicher und/oder kultureller Unterschiede haben sich Bereiche wie Seefahrt, Luftfahrt oder auch Offshore Plattformen schon lange befasst, im Bewusstsein um die potentiell katastrophalen Auswirkungen von Kommunikationsproblemen mit den entsprechenden Haftungsfragen. Internationale Lösungsansätze zeigen die Notwendigkeit einerseits im Bereich der Sprache und Signalethik (schriftliche Unterlagen und Unterweisungen in verschiedenen Sprachen, Poster, DVD, Piktogramme). Aber auch interkulturelle Zugänge sind erforderlich. Sicherheitsbotschaften müssen so formuliert werden, dass sie bei den Empfängern ankommen. So wird bei vielen männlichen Muslimen nicht die individuelle Sicherheit („Du musst auf Dich schauen!“) betonen, sondern viel mehr ihre Verantwortung für Ihre Familie und die Notwendigkeit sich zum Wohle der Familie zu schützen in den Mittelpunkt rücken müssen.

Letztendlich diente der Workshop dem Erwerb interkultureller Kompetenz, die Prof. Ilkilic so definiert: „Fähigkeit zur Wahrnehmung, Verstehen und Bewerten der interkulturellen Konflikte und ihre ethisch angemessene Berücksichtigung im Entscheidungsprozess (Kulturwissen, kultursensible Kommunikation, Vermeidung von Stereotypisierung, kritische Toleranz, Selbstreflexion)“. Interkulturelle Kompetenz dient der Überwindung von kulturellen Barrieren, der kultursensitiven Analyse und Differenzierung der Argumente, der ethischen Güterabwägung im interkulturellen Setting und deren Integration in die medizinethische Entscheidungsfindung. Interkulturelle Kompetenz kann nicht vorausgesetzt werden. Sie soll vielmehr während der medizinischen und pflegerischen Aus- und Fortbildung vermittelt und gefördert werden, so der Referent in seiner Zusammenfassung. Er wolle keine fertigen Lösungen oder gar Checklisten für die Behandlung muslimischer Patienten liefern. Professor Ilkilic skizzierte dagegen in für alle Teilnehmer sehr verständlicher Form islamische Gesundheits- und Krankheitsbegriffe, Einstellungen zu Geburt und Tod sowie Glaubensinhalte, die das Weltbild von Menschen muslimischen Glaubens prägen mit dem Ziel, die Verständigung zwischen Arzt, Pflegeteam und Patient zu fördern. Nach der nach Einschätzung der Unterzeichnenden und aller Teilnehmer gelang eine überaus interessante und gewinnbringende Veranstaltung.

Prof. Dr. Michael Kretzschmar, SRH-Waldklinikum Gera, Zentrum für Schmerz- und Palliativmedizin

Silke Kretzschmar, Praxis für Arbeitsmedizin Gera und Vorsitzende des Bundesverbandes selbstständiger Arbeitsmediziner und freiberuflicher Betriebsärzte (BsAfB)

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